Aus Ũbersetzungsfehlern lernen
By
Claude Piron,
ancien
traducteur à l'ONU et à l'OMS, sychothérapeute,
ex-enseignant chargé de cours à l'Université
de Genève entre 1973 et 1994 (psychologie et
sciences de l'Education),
Suisse
c.piron[at]bluewin.ch
http://claudepiron.free.fr/
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Als
ehemaliger Ũbersetzer und Lektor von Ũbersetzungen
finde ich es schwer vorstellbar, dass jemals ein automatisches
System in der Lage sein wird, einen menschlichen Ũbersetzer
ersetzen zu kõnnen. Vielleicht weiſz oder
verstehe ich ja nur zu wenig von Computern. Aber wie
imkompetent ich auf diesem Gebiet auch bin, hoffe
ich dennoch, dass die Beispiele aus der Ũbersetzungspraxis,
die ich hier zum Besten geben mõchte, eine
interessante Einsicht in einige der am meisten frustrierenden
Probleme geben kõnnen, die sich bei der Ũbertragung
von Ideen von einer Sprache in die andere ergeben.
Bei
der Teilnahme an der Auswahl von Bewerbern auf Ũbersetzerposten
wurde ich oft ũberrascht, wie hoch die Anzahl
der Kandidaten war, die ũber perfekte Kenntnisse
sowohl der Quell- als auch der Zielsprache verfũgten
und auch eine erstaunliche Beherrschung des jeweiligen
Fachs mitbrachten, und trotzdem nur lausige Ũbersetzer
abgaben. Warum? - Weil eine der menschlichen Eigenschaften
mangelnde Bescheidenheit ist. Die Persõnlichkeit
und die Intelligenz eines Ũbersetzers beiſzen
sich mit der scheinbar einfachen Aufgabe zu ũbersetzen.
Statt seine eigenen Ideen, Vorstellungen und seinen
eigenen Stil bei Seite zu legen und blind denen des
Autors zu folgen, fãngt der Ũbersetzer
an, zu verbessern, hinzuzufũgen und zu verformen.
Dieses Problem, kõnnte ich mir vorstellen,
wird bei der maschinellen Ũbersetzung nicht auftreten,
und trotzdem habe ich, auch ein bisschen Asimov-Fan,
gewisse Zweifel: Wenn die maschinelle Ũbersetzung
wirklich funktioniert, dann kãme sie der Fãhgkeit
der Asimovschen Roboter recht nahe.
Wie
dem auch sei, neben der Bescheidenheit muss ein Ũbersetzer
noch zwei andere Qualitãten besitzen, die Maschinen
trotz aller technischer Raffinesse wohl nur schwerlich
beizubringen sind: Urteilskraft und Flexibilitãt.
Urteilskraft
Mit
der Urteilskraft meine ich die Fãhigkeit, ein
Problem durch hohe Fachkenntnis zu lõsen, durch
das Bemerken, das ũberhaupt ein Problem exisitiert,
und durch die Berũcksichtigung der verschiedenen
Ebenen des Kontexts.
Nehmen
wir zum Beispiel den Ausdruck to table a bill.
Der Ũbersetzer muss hier wissen, dass, wenn das
Original in britischem Englisch verfaszt ist, es "einen
Gesetzesvorschlag verabschieden; das heiſzt,
einen Text, der einmal ein Gesetz im Gesetzeskõrper
eines Landes werden soll" bedeutet, auf Franzõsisch
déposer un projet de loi [auf Esperanto
submeti legprojekton]. Doch wenn der Autor
es im Sinne des amerikanischen Englisch verwendet,
meint er "zurũckstellen", das heiſzt
"die Diskussion des Textes auf unbestimmte Zeit
aufschieben", auf Franzøsisch ajourner
sine die l'examen du projet du loi [auf Esperanto
arkivigi la legprojekton].
Noch
ein Beispiel. Das franzõsische Wort heure
kann sowohl "Stunde" als auch "Uhr" (in
Uhrzeiten) bedeuten. Um den franzõsischen Ausdruck
une messe de neuf heures richtig ũbersetzen
zu kõnnen, muss man wissen, dass eine katholische
Messe, die neun Stunden lang dauert, extrem unwahrscheinlich
ist, so dass die Ũbersetzung "Neun-Uhr-Messe"
und nicht "Neun-Stunden-Messe" ist. Da die
linguïstische Struktur genau die gleiche ist
wie in une voyage de neuf heures, "eine
Neun-Stunden-Reise", kann nur der Ũbersetzer
sich richtig entscheiden, der die durchschnittliche
Dauer einer Messe kennt.
Wãhrend
der Ausbildung zum professionellen Ũbersetzer
besteht die Hauptanforderung innerhalb der ersten
drei oder vier Jahre daraus, dass man Probleme, von
denen man sich bisher nicht bewusst war, dass es sie
ũberhaupt gibt, ũberhaupt bemerkt. In Fãllen,
in denen man in eine andere Organisation wechselt,
beginnt dieser Prozess von Neuem, da das neue Aufgabengebiet
auch wieder ganz andere Probleme beinhaltet, die einem
von Auſzen verborgen bleiben. Einige der Leser
werden vielleicht wissen, dass es in der Geschichte
der internationalen Kommunikation einst eine Organisation
mit Namen International Auxiliary Language Association
gab. Nun, wenn man Leute danach fragt, wie sie diesen
Namen verstehen, stellt man fest, dass er den Einen
so etwas bedeutet wie "ein internationaler Verband,
der sich mit Hilfssprachen beschãftigt" und
Anderen so etwas wie "ein Verband, der sich mit einer
internationalen Hilfssprache befasst". Das Interessante
hieran ist aber weniger die Zweideutigkeit des Namens
als vielmehr, dass hier ein Problem besteht, dessen
man sich fũr gewõhnlich nicht bewusst
ist. Stõſzt man auf den Namen dieser Organisation,
versteht man ihn in einer bestimmten Weise und ist
sich ũberhaupt nicht bewusst, dass genau dieselben
Worte noch etwas anderes ausdrũcken kõnnten
als das, was der Autor eigentlich ausdrũcken
wollte.
In
ãhnlicher Weise haben Jungũbersetzer einen
Hang zu dem Irrtum, dass die Worte English teacher
nicht einen Lehrer, der zufãllig Brite ist,
bezeichnen, sondern eine Person, die Englisch lehrt
und genausogut Japaner oder Brasilianer sein oder
aus jedem der englischsprachigen Lãnder stammen
kann.
Das
englische Wort repression hat im Deutschen
hauptsãtzlich zwei Ũbersetzungsmõglichkeiten.
In der Politik ist die deutsche Entsprechung "Unterdryckung",
in der Psychologie "Verdrãngung". Man kõnnte
auf den ersten Blick meinen, dass die Ũbersetzung
dieses Wortes recht einfach sei" Handelt der ganze
Text von Politik, benutzt man die eine, handelt er
von Psychologie, eben die andere. Doch die Realitãt
ist meist nicht ganz so einfach. Der Autor kõnnte
es auch in seiner psychologischen Bedeutung im Kontext
der Poltik gebrauchen, und zum Beispiel in einem Artikel
ũber die Stalinãra auf einen Satz stoſzen,
der mit Repression by the population of its spontaneous
critical reactions led to ... beginnt. In diesem
geht es um Psychologie, obschon der ganze Text politischen
Inhalts ist. Der Kernkontext weicht vom Kontext des
Gesamten ab.
Erst
kũrzlich revidierte ich einen Text, der bei mir
die Frage aufwarf, wie wohl ein Computer mit den verschiedenen
Bedeutungen des Wortes case in ihm verfahren
wãre. Er behandelte Verpackungen. In einem
Abschnitt yber Holzkisten hiesz es: Other reasons
for water removal important in specific cases are:
(1) to avoid gaps between boards in sheated cases;
(2) to [...]. Durch seine Urteilskraft ist der
menschliche Ũbersetzer befãhgt, das erste
case korrekt als Synonym fyr "Fall" und das
zweite als "Schrank oder groſze Kiste" zu erkennen,
aber woher soll ein Computer so etwas wissen? Stellen
Sie sich vor, ein anderer Text wũrde Folgendes
enthalten: A case can be made for plastic boxes
oder The importer complained about the poor quality
of the cases. When the case was settled in court [...].
Den weiteren Kontext zu kennen ist keineswegs hilfreich
bei der richtigen Ũbersetzung, solange es keine
automatischen Methoden gibt festzustellen, dass ein
Autor im nãheren Kontext von einer zur anderen
Bedeutung eines Wortes wechselt.
Flexibilitãt
Neben
der Urteilskraft ist eine andere der von mir genannten
Qualitãten, die einen annehmbaren Ũbersetzer
ausmachen, die Flexibilitãt. Diese bezieht
sich auf den "gymnastischen" Aspekt der Ũbersetzungsarbeit.
Sich auf ein bestimmtes Fachgebiet und zwei Sprachen
zu spezialisieren reciht nicht aus, man muss die Kunst
beherrschen, andauernd vom einen ins andere und wieder
zurũck zu springen. Sprachen sind mehr als geistige
Strukturen. Es sind einzelne Universen. Jede Sprache
hat eine eigene Atmosphãre, einen eigenen Stil,
die sie von allen anderen unterscheidet. Vergleicht
man englische Ausdrũcke wie software und
soft shoulder, wie es auf Straſzenschildern
vorkommt, mit ihren franzøsischen Entsprechungen,
stellt man sehr schnell fest, wie unterschiedlich
die innere Haltung gegenũber dem Ausgedrũckten
ist. Die franzõsischen Ũbersetzungen lauten
entsprechend logiciel und accotements non
stabilisés. Die englischen Ausdrycke sind
konkret, metaphorisch, kũnstlich, mit einem leichten
humoristischen Anflug, in Worten der Alltagssprache,
wenn dies auch nicht immer einer einfacheren Verstændigung
dienlich ist: Zu wissen, was soft und was shoulder
bedeutet, trãgt in keinster Weise beim Verstehen
von soft shoulders bei. Im Franzõsischen
sind dieselben Bezeichnungen aus abstrakten und beschreibenden
Termen zusammengesetzt, die nicht dem Alltagsgebrauch
entstammen. Man versteht auch sie nicht, aber aus
einem ganz anderen Grund: Sie sind aus zu intellektuellen,
zu speziellen und zu seltenen Morphemen zusammengesetzt,
so dass die meisten Nichtfranzõsischsprachler
die Worte in einem Wõrterbuch nachschlagen
mũssen.
Die
Schwierigkeit liegt in der Tatsache, dass diese Unterschiede
der Kommunikation nicht nur in einzelnen Ausdrũcken
vorkommen (ein gutes Wõrterbuch schafft diese
Probleme meist schnell aus der Welt), sondern auch
bei ganzen Sãtzen. Nehmen wir den Satz Private
education is in no way under the jurisdiction of the
government [auf Esperanto: Privata edukacio
estas neniamaniere sub la jurisdikcio de la registaro].
Er beinhaltet grõſzten Teils englische
Worte franzõsischen Ursprungs, doch eine gemeinsame
Ethymologie bedeutet noch lange keine gemeinsame Art
und Weise, etwas Gemeintes in Sprache zu fassen. In
diesem Falle wyrde eine gute franzõsische Ũbertragung
in etwa lauten: L'enseignement libre ne relève
en rien de l'Etat. Man wird die Wichtigkeit dieser
Unterschiede erkennen, wenn ich diesen franzõsischen
Satz dem Wortlaut nach ins Englische zuryckũbersetze.
Das Ergebnis lautet dann: Free teaching does not
depend in any way from the State, was etwas ganz
anderes bedeutet, zumal einem Amerikaner [auf Esperanto
Libera instruado nenie dependas de la ŝtato].
Um
richtig ũbersetzen zu kõnnen, muss man
im Gespũr haben, wo und wann von einer Atmosphãre
in die andere zu wechseln ist. Jeder Anfãnger
in Ũbersetzungsarbeit scheitert fũr gewõhnlich
hieran, und ich frage mich, wie eine Maschine diese
Notwendigkeit jemals erkennen wird, es sei denn, dass
ihr Gedãchtnisspeicher so groſz ist, dass
er alle praktischen Probleme aller Ũbersetzer
aller Jahrhunderte mit einer angebrachten Lõsung
umfasst. Wenn zum Beispiel junge Ũbersetzer bei
der Weltgesundheitsorganisation anfangen und auf den
Ausdruck blood sugar concentration stoſzen,
ũbersetzen ihn praktisch alle ins Franzøsische
mit etwas ãhnlichem wie concentration de
sucre dans le sang. Das bedeutet es wortwõrtlich,
aber es entspricht nicht dem Ausruck im Franzõsischen,
der diese drei englischen Worte in einem zusammenfasst:
glycémie.
Genauso
reicht es nicht zu wissen, dass die Entsprechung von
software im Franzõsischen logiciel
heiszt in den Fællen, wo es eigentlich didacticiel
heiſzen mysste, in den Fãllen nãmlich,
wo es sich um eine Lehrhilfe handelt. Die franzõsische
Sprache steckt ihre Bedeutungsfelder viel enger ab,
und dies muss man bei Ũbersetzungen permanent
berũcksichtigen.
Das
Problem mit Sprachen ist, dass man niemals weiſz,
woher man weiſz, was man weiſz. (Entschuldigung,
hier war ich wohl ein wenig zu selbstbezogen. Ich
zumindest weiſz es nicht, aber mit Ihrer Erfahrung
in computergestũtzter Sprachanalyse werden Sie
es sicher wissen.) Wenn ich in einem wirtschaftlichen
Text auf den Ausdruck the life expectancy of those
capital goods treffen wũrde, wũsste
ich - weil ich es fũhle - dass ich life expectancy
mit "Nutzzeit" zu ũbersetzen hãtte. Ebenso
wũsste ich, wenn im Text die consumer's life
expectancy erwãhnt wãre, ich diese
mit "Lebenserwartung" wiedergeben mũsste, wenn
der Autor in einer Passage ein demografisches Konzept
in seinen wirtschaftlichen Betrachtungen ausfũhrt.
Doch woher weiſz ich das? Ich weiſz es nicht.
Diese Fãhigkeit, die verschiedenen Betrachtungsweisen
von Realitãt und Fantasie, die in den verschiedenen
Sprachen verankert sind, gegeneinander abzuwiegen
und die Fãhigkeit, zwischen ihnen hin- und
herzuspringen, nenne ich Flexibilitãt. Diese
Qualitãt ist die am schwersten auszumachende,
wenn man zukũnftige Ũbersetzer auf ihre
Fãhigkeiten hin ũberprũft.
Nun
kõnnen wir uns der Sache von einem ganz anderen
Standpunkt betrachten, wenn wir uns die Frage stellen:
Was sind die "eingebauten" Probleme einer Sprache,
die Urteilskraft und Flexibilitãt bei der Ũbersetzung
so wichtig machen? Sie beruhen auf der Grammatik und
der Semantik sowohl der Quell- als auch der Zielsprache.
Grammatik
Desto
mehr prãzise und klar voneinander differenzierte
Regeln die Grammatik einer Sprache bezũglich
der Verhãltnisse von Worten innerhalb eines
Satzes zueinander und bezũglich eines einzelnen
Wortes und seiner Wortart beinhaltet, desto einfacher
ist ihre Ũbersetzung. Die schlimmsten Quellsprachen
fũr einen Ũbersetzer sind daher Englisch
und Chinesisch. Ein chinesischer Satz wie tā
shì qùnián shēngde xiăohái
kann sowohl "er (oder sie) ist ein Kind, das letztes
Jahr geboren wurde" als auch "letztes Jahr gebahr
sie ein Kind" bedeuten.
Auch
im Englischen sind solche Zweideutigkeiten eher die
Regel als die Ausnahme. In der Wendung International
Labor Organization bezieht sich international
auf organization, wie die deutsche Ũbersetzung "Internationale Arbeitsorganisation" zeigt. Doch bei
einer anderen UNO-Organisation, der International
Civil Aviation Organization, bezieht sich das
Wort international auf aviation, und
nicht auf organization wie erneut an Hand der
deutschen Ũbersetzung gezeigt werden kann: "Organisation
internationaler Zivilluftfahrt" (und nicht "Internationale
Organisation ziviler Luftfahrt"). Dies ist juristisch
und politisch ausschlaggebend, da es bedeutet, dass
die Organisation sich nur mit Flũgen von einem
Land in ein anderes befasst. Sie ist keine internationale
Organisation, die in allen Problemen nichtmilitãrischer
Luftfahrt angerufen werden kann. Obwohl der linguïstische
Unterschied gering ist, hilft dem Ũbersetzer
in diesem Fall keine Sprachanalyse weiter, er hat
ũberhaupt keinen Anhalt zu entscheiden, was was
ist, bevor er nicht die Geschãftsbedingungen
der Organisation eingesehen hat. Das Problem wird
zusãtzlich durch die Tatsache erschwert, dass
die meisten englischen Texte, mit denen es ein Ũbersetzer
zu tun bekomm, nicht von Englischmuttersprachlern
verfasst wurden, die eher in der Lage wãren,
solche Zweideutigkeiten zu vermeiden. Nehmen wir diesen
Satz: He could not agree with the amendments to
the draft resolution proposed by the delegation of
India. Die Sitzungsũbersetzung lautet: "Er
konnte die Bedingungen der von der indischen Delegation
vorgeschlagene Sitzungsresolution nicht akzeptieren."
Man kann sich nicht sicher sein, ob der englische
Text korrekt ist, doch als ein Lektor solcher Ũbersetzungen
mũsste ich die Sachlage ũberprũfen
und kõnnte so herausfinden, dass der Ũbersetzer,
der den Text so verstanden hatte, dass der von der
indischen Delegation verabschiedete Text die Sitzungsresolution
sei, im Irrtum war, denn eigentlich waren es die Bedingungen: "Er konnte die von der indischen Delegation vorgeschlagenen
Bedingungen der Sitzungsresolution nicht akzeptieren."
Im Deutschen hat man die Mõglichkeit, zwischen "vorgeschlagene", in Bezug auf die Sitzungsresolution
und "vorgeschlagenen", in Bezug auf die Bedingungen,
zu unterscheiden, im Franzõsischen zwischen
proposé und proposés [auch
wenn sie gleich ausgesprochen werden]; auf Esperanto
zwischen proponita und proponitaj, im
Englischen aber hat man keine andere Mõglichkeit
als proposed.
Ich
frage mich, wie ein Computer solche Fãlle lõsen
soll. Ich habe mir sagen lassen, dass er die mõglichen
Zweideutigkeiten erfasst und den Verfasser fragt,
was er gemeint hat. Ich wũnsche viel Glũck!
Jeder Ũbersetzer weiſz, dass die Verfasser
so gut wie nie zu erreichen sind. Die meiste Ũbersetzungsarbeit
geschieht nachts, weil Berichte oder Dossiers, die
am Nachmittag entstanden, in allen Arbeitssprachen
schon am nãchsten Morgen auf den Schreibtischen
der Konferenzteilnehmer liegen mũssen. Den Verfasser
aufzuwecken und ihn zu fragen, wie er etwas gemeint
hat, ist den Ũbersetzern ausdrũcklich untersagt.
Oder
aber der Verfasser ist viel zu weit weg, um ihn erreichen
zu kõnnen. Als ich Lektor bei der Weltgesundheitsorganisation
war, hatte ich es einmal mit dem wissenschaftlichen
Bericht eines australischen Physikers zu tun. Darin
wurde der Ausbruch einer Krankheit in einem japanese
prisoner of war camp beschrieben. Damals gab es
noch keine E-mail, und wir mussten den Verfasser anschreiben,
ob die Krankheit von den Japanern gefangene Amerikaner
oder von den Amerikanern gefangene Japaner befallen
hatte. Als die Antwort eintraf stellte sich heraus,
dass der Verfasser schon einige Jahre tot war.
Viele
Fehler werden von professionellen Ũbersetzern
als Ergebnis der Tatsache begangen, dass es im Englischen
unmõglich ist, ein Adjektiv einem bestimmten
Nomen zuzuordnen, da es keine grammatische Regel hierfũr
gibt. Als ein Ũbersetzer einmal basic oral
health survey methods mit "Methoden der Grundsatzforschung
der Mund-Zahn-Medizin" wiedergab, irrte er, indem
er das Wort basic der survey zuordnete,
obwohl es sich eigentlich auf methods bezog,
doch wollen wir ihm dies nachsehen, da nur eine jahrelange
Erfahrung mit der Sache selbst erkennen lãsst,
was zu was gehõrt. Die korrekte Ũbersetzung
wãre "Grundsãtzliche Methoden der mund-zahn-medizinischen
Forschung".
Meine
Frau gibt amerikanischen Studenten, die fũr ein
Jahr nach Genf kommen, Sprachunterricht. Eine Standardaufgabe,
die sie ihnen stellt, beinhaltet einen Abschnitt namens
short breathing exercises. Jedesmal versteht
die Hãlfte der Klasse darunter "Ũbungen
zum kurzen Atmen", obwohl es eigentlich "kurze Ũbungen
zum tiefen Atmen" sind. Die Tatsache, dass
sogar englische Muttersprachler so andauernd immer
den selben Fehler begehen, obwohl der Kontext alle
Mõglichkeiten bietet, die richtigen Schlũsse
zu ziehen, verblũfft mich immer wieder. Hat ein
Computer eine genauere Urteilskraft? Kann eine Maschine
bewerten, vergleichen und Schlũsse ziehen?
Die
Tatsache, dass die Endungen des Englischen -s,
-ed und -ing gleich mehre grammatische
Funktionen haben, verkompliziert die Sache zusãtzlich.
Bei dem Satz he was sorting out food rations and
chewing gum ist es unmõglich festzulegen,
ob die betreffende Person Kaugummi kauend Essensrationen
verteilt oder ob er zweierlei Sachen austeilt, nãmlich
Essensrationen und Kaugummi.
Semantik
Semantisch
bedingte Probleme sind fũr menschliche Ũbersetzer
besonders schwierig. Es gibt zwei Arten von ihnen:
(1) das Problem ist nicht ersichtlich, (2) das Problem
wird zwar erkannt, doch die Lõsung erfordert
eine gute Urteilskraft oder ist gar nicht mõglich.
Ein
Beispiel der ersten Art stellt der Ausdruck malaria
therapy dar. Da Malaria ja eine allseits bekannte
Krankheit ist und therapy soviel wie "Behandlung"
heiſzt, wũrde ein medizinisch nicht geschulter
Ũbersetzer wohl annehmen, dass es sich hierbei
um eine Art Behandlung von Malaria handelt. Doch das
semantische Feld von therapy ist nicht identisch
mit dem von "Behandlung", treatment, was man
jedem guten Wõrterbuch entnehmen kann (Webster's
definirt therapy als »treatment of a disease«).
Es wũrde zu lange dauern, hier alle Unterschiede
im Einzelnen aufzuzãhlen, Tatsache ist aber,
dass malaria therapy nicht eine "Behandlung
von Malaria" [kuracado de malario] ist, sondern
eine "Behandlung durch Malaria" [permalaria kuracado]
ist, also eine Art der Therapie, in der das Malariavirus
in den Blutkreislauf injiziert wird, um eine Abwehrreaktion
zu bewirken, die eine Krankheit, die aber nicht Malaria
ist, zu unterdrũcken.
In
der franzõsischen Fassung von Hammond Innes'
Roman Levkas Man, ũbersetzt von Albin
Michel, beklagt sich einer der Charaktere ũber
les jungles concrètes, in denen eine groſze
Anzahl Leute zu leben gezwungen ist. Das ergibt fyr
den franzõsischen Leser keinen Sinn. Da einige
von Ihnen ja Esperanto verstehen, kann ich dieses
Missverstãndnis besser in dieser Sprache verdeutlichen.
Jungles concrètes bedeutet konkretaj
ĝangaloj. Was der Autor aber mit concrete
jungles ausdrũcken wollte, waren "Betondschungel",
betonaj ĝangaloj, das heiſzt
eine durch hohe Gebãude aus Beton bestimmte
Landschaft. In diesem Falle war sich der Ũbersetzer
eines semantischen Problems nicht bewusst, nãmlich
dass concrete zwei vollkommen unterschiedliche
Bedeutungen hat: einmal ein Baumaterial und andernmal
das Gegenteil von "abstrakt".
Ein
Beispiel eines semantischen Problems, das eine hohe
Sachkenntnis erfordert - und bei all meinen Vorurteilen
kann ich mir schwerlich vorstellen, wie ein Computer
dies bewãltigen kõnnte - ist das Wort
develop. Es hat ein sehr weites semantisches
Feld, das sich manchmal als ein riesiger Albtraum
fyr den Ũbersetzer entpuppt. Es kann soviel wie "einfyhren", "schaffen", "erstellen", "grynden" bedeuten,
wenn es sich auf etwas bezieht, das es vorher noch
nicht gab. Es kann auſzerdem "intensiviren", "entwickeln", "beschleunigen" bedeuten im Sinne eines "Vergrõſzerns" und setzt voraus, das die
Sache, auf die es sich bezieht, schon vorhanden ist.
Zusãtzlich kann es auch "nutzen", "ausbeuten"
heiſzen, im Sinne von "Gebrauch von etwas machen,
das schon latent oder potentiell da war". In allen
Sprachen wird die Ũbersetzung dieses Wortes je
nach Bedeutung verschieden ausfallen, das heiſzt,
je nach dem, welches bestimmte Segment des Bedeutungsfeldes,
das der Autor im Sinn gehabt zu haben scheint. Bei
der Ũbersetzung der Wendung to develop such
or such an industry muss man also wissen, ob die
besagte Industrie bereits in der vom Text behandelten
Ort und Zeit bereits existiert oder nicht. In den
meisten Fãllen macht der Text hierũber
keine genaue Angabe. Nur das beim Ũbersetzer
vorhandene Wissen oder seine Fãhigkeit zu recherchieren
kann ihn zur richtigen Ũbersetzung fũhren.
Auch
ein einfaches Wort wie more kann Probleme bereiten,
da sein Bedeutungsfeld sowohl quantitative als auch
qualitative Abstufungen beinhaltet. Was zum Beispiel
bedeutet more accurate information? Heiszt
es "eine grõſzere Menge an genauer Information"
oder "Information mit grõſzerer Genauigkeit"?
Ein
Wort wie tape ist ebenso tũckisch. Bezieht
es sich auf Tonaufnahmen,ũybersetzt man es mit "Band" oder "Cassette" (falls man weiſz, welche
Art von Aufnahmegerãt benutzt wurde). Bezieht
es sich aber auf Klebemateriãl, wie in Scotch
tape, muss man es mit "Klebeband" wiedergeben,
ein einfaches "Band" wãre hier etwas zu ungenau.
Oft
entsteht ein Problem auch dadurch - ohne dass es sofort
auffallen wũrde - , dass ein Wort eine spezielle
semantische Bedeutung in dem jeweiligen Bereich besitzt,
in dem der Verfasser arbeitet; in diesem Fall bleibt
ein zu Grunde liegendes Konzept permanent unangesprochen,
da der Verfasser sich ja an Menschen richtet, die
sich im selben Bereich auskennen und dieselben kompakten
Ausdrũcke benutzen. Bei dem Satz WHO helped
control programs in 20 countries kann derjenige,
der weiſz, dass im Sprachgebrauch der Weltgesundheitsorganisation
control program soviel wie "ein Programm zur
Bekãmpfung einer Krankheit und ihre anschlieſzende
Unterdrũckung" bedeutet, zu der richtigen Annahme
kommen, dass der Verfasser so ewas meinte wie "die
WHO gewãhrte ihre Unterstũtzung zur Bekãmpfung
einer bestimmten Krankheit in 20 Lãndern".
Unerfahrene Ũbersetzer, die dies als "die WHO
half, die Programme zu kontrollieren" auffassen, tun
dies grammatisch gerechtfertigt, da es im Englischen
ja mõglich ist, das Verb to help ohne
die Partikel to im beigefũgten Verb zu
gebrauchen, zumal, in dieser Art von Sãtzen,
nichts darauf hindeutet, ob control ein Nomen
oder ein Verb ist.
Kurz:
die meisten Schwierigkeiten, auf die menschliche Ũbersetzer
stoſzen, stehen im Verhãltnis der Unterschiede
in der Art und Weise, wie die verschiedenen Sprachen
die Realitãt in semantische Blõcke unterteilen.
Ich benutze das Wort "Block" mit Absicht, denn die
Realitãt ist oft kontinuierlich, wohingegen
ein abbildender Begriff der Realitãt und somit
auch die Sprache diskontinuierlich ist. "Blau" und "gryn" sind das, was ich "semantische Blõcke"
nenne, wenn auch in ihnen selbst eine perfekte Kontinuitãt
herrscht. In vielen Fællen gibt es fũr
den Begriff einer bestimmten Sprache keine Entsprechung
in einer anderen, da die verschiedenen Võlker
die Kontinuitãt in verschieden groſze
Stũcke und an verschiedenen Stellen in Blõcke
unterteilen.
Bei
einer Reihe von Fãllen spielt dies kaum eine
Rolle. Dass man etwa bei der Ũbertragung des
deutschen "schreien" ins Englische zwischen scream,
shout, screech, squall, shriek, yell, bawl, roar,
call out und so weiter wãhlen muss, schafft
in der Praxis normalerweise keine Probleme.
Doch
wie ũbertrãgt man cute in eine
andere Sprache? Dieses Konzept existiert in den meisten
Sprachen nicht. Auch das franzõsische frileux
hat keine Entsprechung im Englischen, so dass ein
einfacher franzõsischer Satz wie il est
frileux nicht ganz richtig ũbersetzt werden
kann. Zumindest kann man immer noch "er fũhlt
die Kãlte besonders" oder "er ist sehr kãlteempfindlich"
wãhlen, was die Sache nicht recht trifft, aber
doch akzeptabel ist. Was am hartnãckigsten
wird, ist die Ũbersetzung der Adverbialform:
frileusement. Wie ũbersetzt man il
ramena frileusement la couverture sur ses genoux?
Man ist fast gezwungen, so etwas zu sagen wie "er
zog die Decke mit einer zitternden, fyr besonders
kãlteempfindliche Menschen typischen Bewegung
bis an die Knie". Wer denkt, so etwas betrifft
nur literarische Ũbersetzungen, etwas fernab
vom eigenen Fach, dem muss ich widersprechen, denn
Beschreibungen von Haltungen und Verhalten sind ein
wesentlicher Bestandteil medizinischer und psychologischer
Fallbeschreibungen, so dass der obige Satz in der
Ũbersetzungspraxis keinesfalls ungewõhnlich
ist.
Eine
enorme Anzahl von Worten, von denen viele andauernd
in normalen Texten vorkommen, bescheren uns ãhnliche
Schwierigkeiten. Diese Wõrter sind commodity,
consolidation, core, disposal,
to duck, emphasis, estate, evidence,
feature, flow, forward, format,
insight, issue, joint, junior,
kit, maintain, matching, predicament,
procurement und hunderte andere, die ziemlich
leicht zu verstehen sind, aber keine deckungsgleiche
Bezeichnung im Franzõsischen [und Deutschen]
haben, was bei der Ũbersetzung schnell Kopfschmerzen
bereitet. Wõrterbycher helfen hier nicht weiter,
weil sie nur ein paar Ũbersetzungen zum Verstãndnis
bieten, die selten mit dem jeweils im Text gebrauchten
Kontext berũcksichtigen; in den meisten Fãllen
stimmt der vorgeschlagene Kontext mit dem des Textes
nicht ũberëin.
Ein
weiterer Fall in diesem Punkt sind jene Worte des
õffentlichen Lebens. Man kann Swiss Government
nicht mit "schweizer Regierung" ũbersetzen, da
das englische Wort ein viel breiteres Feld umfasst.
(Interessanterweise kann man es, obwohl die Semantik
beider Ausdrycke nicht hundertprozentig deckungsgleich
ist, auf Esperanto mit svisa registaro wiedergeben,
da das Konzept des Esperanto weit genug gefasst ist.)
Man mũsste besser "die fõderative
Versammlung" oder "die schweizer Konfõderation"
sagen, wenn man sich an den genauen Sinn hãlt.
Das deutsche "Regierung" bezeichnet das,
was im Englischen meist cabinet nennt. Das
Englische government ist ũberhaupt eines
der frustriendsten Wõrter. Man kann es mit
"Staat", "die õffentliche Macht",
"Autoritãten", "Regime"
und anderem Ãhnlichen wiedergegeben, je nach
dem, was der Intention des Verfassers wohl am nãchsten
kommt (und man muss im Hinterkopf behalten, dass es
auch "Politikwissenschaft" heiszen kann
(im Satz she majored in government, das Verb
major ist noch so ein Kopfschmerzbereiter,
da amerikanische Studiengãnge in ganz anderer
Art organisirt sind wie etwa die der deutschsprachigen
Lãnder).
Das
Russische dispanserizacija macht ein ãhnliches Problem klar. Es bezeichnet eine ganze
Konzeption der õffentlichen Gesundheitsdienste,
die keine Entsprechung in westlichen Lãndern
hat. Wenn man will, dass der Leser es versteht, ist
es nõtig, das Wort mehr zu erklãren
als es zu ũbersetzen. Einfach "Dispensarisation"
(die lateinische Vorlage) zu schreiben, wãre
ja auch zu einfach.
Schlussfolgerung
Wie
Sie sehen ist schon jedes einzelne der Probleme, die
ich gerade nannte, schon fũr sich allein Grund,
die Aufgaben eines Ũbersetzers enorm zu erschweren.
Probleme, die von Zweideutigkeiten, unausgesprochenen,
aber implizierten Bedeutungen und Dinge der Semantik,
die keine Entsprechung in der Zielsprache haben, erfordern
viel Denken, Fachkenntnisse des jeweiligen Bereichs
und eine gewisse Menge an Recherche - zum Beispiel,
wenn man herausfinden muss, ob eine bestimmte Industrie
bereits existiert oder nicht, wenn sie developed
wird, oder ob secretary Tan Buting ein Mann
oder eine Frau ist, was in vielen Sprachen Auswirkungen
auf die Adjektive hat, und nicht zuletzt auch auf
die Berufsbezeichung ("Sekretãr"
/ "Sekretãrin"). Diese Probleme nehmen
etwa 80 bis 90 % der Zeit eines professionellen Ũbersetzers
in Anspruch. »Ein Ũbersetzer ist im Grunde nichts
anderes als ein Detektiv«, pflegte einer meiner spanischen
Kollegen bei der WHO zu sagen, und er hat Recht. Ein
Ũbersetzer muss viel telefonieren, von einer
Bibliothek in die nãchste laufen (und das nicht,
um einen technischen Term herauszufinden, sondern
vielmehr, wie bestimmte Prozesse ablaufen oder sich
ũber Grundsãtze klar zu werden, die unter
Spezialisten als gegeben vorausgesetzt werden), und
all seine geistigen Fãhigkeiten fũr Schlussfolgerungen
gebrauchen. Natũrlich hoffe ich, dass ein Computer
eines Tages diese erbarmungswũrdigen Sklaven
der Sprache von ihren beinah aussichtslosen Aufgaben
erlõsen wird, aber ich muss gestehen, in all
meiner Inkompetenz auf diesem Gebiet, dass ich fern
davon bin, mir vorstellen zu kõnnen, wie sie
dies jemals schaffen sollen.
http://www.derheiligevirgil.de/t_ybersetzungsfehler.php
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